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Unabhängige Fachzeitschrift für die Sanitär-, Heizungs-, Lüftungs- und Energiebranche

Die Förderung der Energieeffizienz bzw. das Energiesparen, der parallele Ausbau erneuerbarer Energien und der Ausstieg aus der Kernenergie sind die Eckpfeiler der Energiestrategie 2050. Am Herbstseminar 2017, der traditionellen grossen Auftaktveranstaltung der Bau+Energie-Messe in Bern, diskutierten hochkarätige Referenten aus Politik, Forschung und Wirtschaft, wie die Dekarbonisierung bis 2050 erreicht werden kann, was es mit der Energieeffizienz im Gebäudepark auf sich hat und über die Zukunft der Schweizer Energie- und Stromversorgung.

Das Herbstseminar 2017 an der Bau+Energie-Messe in Bern behandelte das Thema «Energiestrategie 2050 – wie weiter?». Neben einem moderaten Ausbau der Wasserkraft sieht die Energiestrategie insbesondere einen substantiellen Anstieg der inländischen erneuerbaren Energien vor. Gleichzeitig soll der Energieverbrauch stark reduziert werden. Diskutiert wurden am Herbstseminar, unter welchen Bedingungen und mit welchen Massnahmen diese Ziele bzw. Richtwerte erreicht werden können.

Energieverbrauchsminderung um 43 Prozent bis 2035

Nach der Begrüssung der Teilnehmer durch Dr. Ruedi Meier, Präsident energie-cluster.ch, stellte Nationalrat und UREK-Präsident Stefan Müller-Altermatt die Ziele und Massnahmen der Energiestrategie 2050 ins Zentrum seiner Ausführungen und zeigte, wie die Dekarbonisierung erreicht werden kann. «Wir sind immer noch stark abhängig von den fossilen Energieträgern», sagte Müller-Altermatt. Die fossilen Energien machen 64% aus, die Auslandabhängigkeit dabei beträgt gut 76%.

«Die Schweizer Energieversorgung soll bis 2050 klimafreundlich, möglichst inländisch, sicher und bezahlbar sein», so der Nationalrat. «Beim durchschnittlichen Energieverbrauch pro Person und Jahr wird gegenüber dem Stand im Jahr 2000 eine Senkung um 16% bis 2020 und um 43% bis 2035 angepeilt.»

Erneuerbare Energien und Energieeffizienz

Vorgesehen zur Förderung Erneuerbarer Energien sind eine Abnahme- und Vergütungspflicht, ein Einspeiseprämiensystem, alternativ für Photovoltaik-Anlagen eine Einmalvergütung in der Höhe von maximal 30%, Investitionsbeiträge (auch für die Grosswasserkraft), wettbewerbliche Ausschreibungen, Garantien für die Geothermie sowie bei der Finanzierung eine Erhöhung des Netzzuschlag-Fonds von max. 1,5 Rp./kWh auf neu max. 2,3 Rp/kWh. Die zeitliche Befristung beträgt sechs Jahre nach Inkrafttreten.

Bei der Energieeffizienz gibt es schärfere Gerätevorschriften sowie einen Zwang zum Erlassen kantonaler Vorschriften (Anteil nicht erneuerbarer Wärme, elektrische Widerstandsheizungen, Energieverbrauchserfassung/Gebäudetechnik, einheitliche Benutzung des Gebäudeenergieausweises). Darüber hinaus sind «softe» Massnahmen im Zusammenspiel von Bund und Kantonen (Info/Beratung usw.) sowie das Gebäudeprogramm der Kantone im Fokus.

Bei den Steuern ist vorgesehen, dass Investitionen in Energiesparen oder Umweltschutz über 2 Jahre abgezogen werden können, aber nur, wenn das Gebäude einen Mindeststandard aufweist.

«Wichtig ist auch, dass keine Rahmenbewilligungen mehr für neue Kernkraftwerke erteilt werden», stellte der UREK-Präsident fest. «Die alten Kernkraftwerke werden am Ende ihrer sicherheitsbedingten Laufzeit stillgelegt.»

Dekarbonisierung im Fokus

Die Dekarbonisierung in der Scheiz wird, so Müller-Altermatt, mit geeigneten Massnahmen angestrebt. Dazu gehören das Gebäudeprogramm, Vorschriften bei Fahrzeugflotten und softe Massnahmen. Das Klimaziel des Abkommens von Paris (2021–2030) verlangt aber –50% Treibhausgasemissionen gegenüber 1990. Deshalb sind zusätzliche Massnahmen gefordert wie die Revision des CO2-Gesetzes oder die Verknüpfung des Emissionshandels mit der EU.

Bei der Revision des CO2-Gesetzes müssen laut Müller-Altermatt das Gesamtziel (–50% gegenüber 1990) und das Inlandziel (–30% gegenüber 1990) im Auge behalten, bestehende Instrumente mit höheren Abgaben verbunden sowie Zwischenziele für Gebäude, Verkehr, Industrie und neu Landwirtschaft festgelegt werden.

Stefan Müller-Altermatt erklärte auch, wie ein zweckmässiges Strommarktdesign auszusehen hat: «Die heutige Ausgangssituation mit teilliberalisiertem Markt ist völlig unbefriedigend. Und die anhaltend tiefen Primärenergiepreise verhindern einen gesunden, freien Markt. Gleichzeitig herrscht ein sehr innovationsfeindliches Umfeld.»

Ein zukünftiges Strommarktdesign wird im Besonderen Anreize für Investitionen in die erneuerbare Produktion und die Speicherung geben müssen sowie die Gleichberechtigung von Produzenten mit gebundenen und ungebundenen Kunden zu ermöglichen haben. «Die einfache Lösung fehlt definitiv», meinte der Nationalrat. «Doch wir haben keinen zeitlichen Druck –
abgesehen von der kritischen Marktsituation.»

Ungelöste Probleme sind dabei auch zu berücksichtigen: Mobilität, Speicherung, Spitzenlasten, Stromabkommen.

Förderung der Erneuerbaren mit neuem Ansatz fortsetzen

Dr. Frank Krysiak, Universität Basel, gab einen Ausblick auf die Zukunft der Schweizer Energie- und Stromversorgung: «Die ES2050 sieht einen erheblichen Ausbau neuer erneuerbarer Energien vor. Bis 2050 sollen die Erneuerbaren von 2,6 auf 24,2 TWh gesteigert werden. Die Wasserkraft soll von 35,3 auf 38,6 TWh steigen.»

Krysiak betonte die Wichtigkeit der KEV als das zentrale Instrument der Schweiz zur Förderung der Erneuerbaren. Die CO2-Abgabe ist zwar in der Höhe international führend, aber wichtige Bereiche sind ausgenommen (Mobilität, energieintensive Industrie).

Bei den Erneuerbaren läuft die Förderung aus. «Mittelfristig wäre es ohne Eingriffe nicht sicher, dass Investitionen im Inland erfolgen», so Krysiak. «Und bei der Energieeffizienz sind keine hinreichenden Vorgaben in Sicht. Die Massnahmen heute haben zwar einen guten Status, doch die Prognose ist schlecht. Bei der CO2-Abgabe wäre die Basis zu verbreitern.» Krysiak plädierte dafür, die Förderung der Erneuerbaren mit einem neuen Ansatz fortzusetzen und eine zielgenaue Politik für Energieeffizienz zu forcieren: «Wir brauchen eine innovative Förderung der Erneuerbaren und der Energieeffizienz.»

Vorteile der Digitalisierung

Markus Weber, Präsident Bauen Digital Schweiz, ging in seinem Referat der Frage «Hilft die Digitalisierung der Energiestrategie?» auf den Grund. «Der Gebäudepark Schweiz hat einen Anteil von 46% am Gesamtenergieverbrauch, über 50% am Elektrizitätsverbrauch sowie 40% an den CO2-Emissionen», so Weber, «daran ist immer zu denken. Die Massnahmen zur Reduktion von Energie und CO2 – Gebäudehülle, Erneuerbare, effiziente Gebäudetechnik – kennen wir, die Umsetzung ist anzupacken. Die Energieeffizienz hat grosses Potential.»

Weber veranschaulichte das hilfreiche Wirken der Digitalisierung mit acht Thesen entlang der Wertschöpfung: Bestellerkompetenz, Bestandsaufnahme (richtige Entscheide), Systemdenken (für effizientes Gebäudesystem), Analyse+Monitoring (virtuelle Modelle), Systemlösungen, BIM2FM (Parameter abstimmen), Betrieb (Controlling) sowie Nutzung (Gebäude werden zu Speicher-/Kraftwerken). «Im Grunde geht es dabei um die intelligente Vernetzung, die Energiespeicherung und die Energieumwandlung», meinte Weber.

Nachhaltigkeit ist mehr als Energieeffizienz

SIA-Präsident Stefan Cadosch stellte die Nachhaltigkeit in Architektur und Ingenieurtechnik in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. «Nachhaltigkeit ist für mich mehr als Energieeffizienz», sagte Cadosch. «Nachhaltig ist etwas nur dann, wenn es auch in Zukunft gültig ist. Wer nachhaltig baut, muss die Zukunft berücksichtigen.»

Als grösste Herausforderung der Gegenwart bezeichnete der SIA-Präsident den Klimawandel: «Man muss sich nur die Turbulenzen in der Karibik und in Florida in der letzten Zeit vor Augen führen, daran gibt es nichts zu rütteln. Der Temperaturanstieg um 0,85 ºC global von 1960 bis 2016 spricht Bände, in der Schweiz sind es sogar 1,8 °C. Unsere prioritäre Aufgabe in der Gegenwart ist deshalb die Dekarbonisierung und die Energieeffizienzsteigerung.»

Cadosch zeigte sich überzeugt, dass im Bauwerk eine grosse Hebelwirkung steckt, die es zu nützen gilt. Er zeigte schöne Beispiele wie die Revitalisation de l’Aire, Genf, oder die Wohnüberbauung Kraftwerk Zwicky Süd, die die Anforderungen der Zukunft erfüllen. «Die Konzepte sind alle da, machen wir sie doch endlich», schloss der SIA-Präsident.

Nachhaltige Stadtentwicklung in Bern

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried skizzierte in seinem Vortrag wunderschön den Weg zu lebendigen Berner Stadtquartieren. Dabei wird heute in Bern bei der Stadtentwicklung der Fokus auf Energie und Klima und auf eine stadtgerechte Mobilität und Infrastruktur gelegt. Der Stadtpräsident zeigte mit eindrücklichen Bildern die Probleme mit dem Bevölkerungsrückgang seit 1965 und der Trendumkehr vor 10 Jahren auf. «Wir haben die Stadt wieder lebenswert gemacht, bis 2030 sind wir wieder dort, wo es damals abwärtsging», meinte von Graffenried. Als Vorzeigequartier stellte er das Viererfeld mit 910 Wohnungen, 2400 Einwohnern und 600 Arbeitsplätzen vor.

Klimawandel und Finanzmärkte

Silvia Ruprecht-Martignoli, BAFU, erklärte die Rolle des Finanzmarktes im Klimaabkommen von Paris und den Einfluss klimapolitischer Massnahmen auf Gebäudeparkinvestitionen. Ruprecht-Martignoli warnte vor gestrandeten Vermögenswerten (Carbon Bubble), da jährlich mehrere hundert Mia. $ in neue fossile Energievorkommen investiert werden; die klimaverträgliche Entwicklung birgt Risiken von gestrandeten Vermögen, wenn fossile Energien nicht mehr genutzt werden dürfen.

Der Beitrag der Schweiz an die internationalen Klimaziele beim Thema der klimaverträglichen Finanzflüsse besteht in der freiwilligen Umsetzung durch Finanzmarktakteure. Der Bund stellt die relevanten Grundlagen bereit, damit mehr Transparenz für Marktteilnehmer besteht und eine internationale Abstimmung erfolgt.

Beim Gebäudepark in der Schweiz besteht das Ziel in der Senkung der CO2-Emissionen bis 2050 um mindestens 80% gegenüber 1990. «Bei stringenter Umsetzung der vorgesehenen Massnahmen ist der Absenkpfad erreichbar», sagte die BAFU-Ökonomin.

Zum Abschluss der Veranstaltung zeigte Nico
Lugt, Leiter Marketing & Verkauf Energy Systems, Meyer Burger (Switzerland) AG, eindrückliche Beispiele für subtiles und nachhaltiges Bauen mit Photovoltaik aus Herstellersicht.