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Unabhängige Fachzeitschrift für die Sanitär-, Heizungs-, Lüftungs- und Energiebranche

Viele ältere Öl- und Gasheizungen verbrauchen zu viel Brennstoff oder sind schlecht eingestellt. Mit einer neuen Langzeitmessung kommt man diesen Problemen auf die Schliche und kann sie beheben. Das Verfahren der jungen Schweizer Firma Electrojoule hat sich zum Beispiel in Dietikon ZH bewährt.

Im Heizungskeller eines Mehrfamilienhauses in Dietikon öffnet Philipp Muri seinen Laptop und zeigt auf ein Diagramm. Auf dem Bildschirm sind die Warmwassertemperatur sowie der Betriebszustand der Ölheizung über mehrere Wochen abgebildet. «Man sieht das Problem sehr deutlich. Statt einer einmaligen Aufheizung haben wir ein wildes Auf und Ab der Temperaturkurve», kommentiert Muri. Er ist Leiter Innovation & Technologie bei der Electrojoule Erneuerbare Energiesysteme AG. Das Schweizer Start-up hat den «digitalen Heizungscheck» lanciert. Mit einer Langzeitmessung über zwei bis drei Wochen können die Schwächen bestehender Heizungen erkannt und danach zielgerichtet behoben werden.

Messungen bringen Klarheit

So auch in Dietikon. Die Zickzackkurve, die den Ladevorgang des Boilers zeigt, wiederholt sich über mehrere Tage, und genau das stellt ein Problem dar. «Am Morgen ist die Boilertemperatur etwas zu tief, deshalb springt der Ölbrenner an», erläutert Muri, «doch weil das Heizregister im Boiler verkalkt ist, kann die Wärme nicht ins Wasser gebracht werden. Sobald der Brenner seine Maximaltemperatur erreicht, schaltet er aus Sicherheitsgründen ab. Zehn Minuten später beginnt das Spiel von vorn.» Dieser Zyklus – zehn Minuten Betrieb, fünf Minuten Ruhezeit, wieder zehn Minuten Betrieb – sorgt für eine stark beschleunigte Alterung des Brenners.

Mit einem sporadischen Besuch im Heizungskeller lassen sich solche Probleme weder erkennen noch rechtzeitig beheben. Genau deshalb verfolgt Electrojoule einen neuen Weg, den «digitalen Heizungs-Check». Für diesen wird eine Heizungsanlage an allen wichtigen Punkten mit Sensoren ausgerüstet. Via Kabel wandern die Sensordaten zu einem Aufzeichnungsgerät (Logger), das sie sammelt. In Dietikon wurden insgesamt 12 Sensoren montiert. Sie registrieren zum Beispiel Start und Stopp des Brenners oder die Temperatur des Vor- respektive Rücklaufs zum Warmwasserspeicher. Die Messungen erfolgen im Minutentakt. So erhält man genaue Daten zur Heizkurve und zu den Temperaturen und Betriebszeiten von Wärmeerzeuger, Warmwasseraufbereitung (Boiler) oder Umwälzpumpen.

Punktgenaue Eingriffe

Ein bisschen erinnert die Anlage an ein 24-Stunden-EKG, das für die Diagnose bestimmter Herzfehler eingesetzt wird. Diese Analogie stimme durchaus, wie Philipp Muri sagt: «Durch die Messung über längere Zeit erkennen wir Muster und Probleme. Mit einem Bericht können wir dem Hauseigentümer nach Abschluss der Messungen darlegen, welche Auffälligkeiten die Anlage zeigt und wie man diese beheben kann.» Zuerst gibt es also eine Diagnose, danach die passende Therapie. Nach einer mehrwöchigen Messung wurden bei der Anlage in Dietikon verschiedene Probleme erkannt. Nun schlug die Stunde von Heizungsinstallateur Steff Hug, der für den handwerklichen Teil der Heizungsoptimierung zuständig ist. Um den allmorgendlichen Start-Stopp-Betrieb des Brenners zu beenden, hat Hug den Boiler entkalkt: «Das wurde mehrere Jahre lang vergessen. Nun kann der Boiler wieder normal geladen werden, und der Brenner springt morgens nur noch einmal an.» Eine zweite Messung, die nach der Entkalkung durchgeführt wurde, bestätigt die Wirksamkeit der Massnahme: Die Boilertemperatur steigt nun konsequent an, die Zickzacklinie ist Geschichte.

Ungedämmte Leitungen

Ein anderes Diagramm brachte Muri und Hug auf die Spur eines zweiten Problems: Die Temperatur des Warmwasser-Rücklaufs war viel zu tief. «Wir gingen mit einer Temperatur von 50 oder 55 Grad Celsius aus der Heizzentrale raus, der Rücklauf lag aber nur knapp über der Aussentemperatur», sagt Philipp Muri.

Der Grund für diesen enormen Temperaturverlust ist eine Warmwasser-Zirkulationsleitung, die in den Aussenmauern eingebaut ist. «Diese Leitung ist vermutlich überhaupt nicht gedämmt. So verlieren wir enorm viel Energie», erläutert Steff Hug. Eine bauliche Lösung sei im Prinzip möglich, aber kaum bezahlbar: «Entweder müssen die Leitungen freigelegt und neu gedämmt werden, oder man installiert elektrische Begleitheizbänder, die sehr viel Strom verbrauchen.» Deshalb schlug Electrojoule eine einfachere Lösung vor, nämlich das Ausschalten der Zirkulation während der Nacht. Das Problem wird so an der Wurzel gepackt. Um Hygieneprobleme zu vermeiden, wird regelmässig der Legionellenbestand in der Zirkulationsleitung geprüft. Naturgemäss gibt es eine gewisse Komforteinbusse, wie Muri sagt: «Wenn jemand um drei Uhr nachts duschen will, dauert es halt länger, bis das warme Wasser kommt.»

Unnötige Puffer vermeiden

Beim Heizungscheck stehen vor allem ältere Öl- und Gasheizungen im Fokus. Die Erfahrung zeigt, dass gerade solche Anlagen oft mit beträchtlichen Komfortmargen betrieben werden (vgl. auch Box). Zudem sind Brenner, Speicher, Ventile und Pumpen in die Jahre gekommen, was die Effizienz der Anlage beeinträchtigt. Deshalb ist das Einsparpotential hoch, und der Verbrauch kann häufig mit wenigen, relativ einfachen Massnahmen reduziert werden. Manchmal zeigt der Check auch in Richtung eines Heizungsersatzes. In diesem Fall kann das Sanierungsprojekt mit genügend Vorlaufzeit geplant und fristgerecht umgesetzt werden.

Für die Eigentümer und Betreiber von Liegenschaften ist der Heizungscheck durchaus interessant. Das Haus in Dietikon gehört der Versicherung der Schweizer Ärzte Genossenschaft (VA Genossenschaft). Diese besitzt schweizweit ungefähr 80 Liegenschaften. Die Energieeffizienz des Gebäudeparks und die Klimadiskussion seien auch für institutionelle Anleger ein Thema geworden, sagt Norman Gerber, Direktor der VA Genossenschaft. «Wir wollen die Energie in unseren Liegenschaften effizient einsetzen. Das Bauchgefühl, wonach nicht mehr alle Heizungen optimal eingestellt sind, hat sich bei der Analyse einiger bestätigt», sagt Gerber. Aus Eigentümersicht sei es wichtig, solche Probleme erkennen und anschliessend beheben zu können. «So individuell wie die einzelnen Liegenschaften waren auch die Massnahmen, die wir treffen mussten», berichtet Norman Gerber, «es wird also nicht stets dasselbe gefunden, sondern spezifische Schwachpunkte einer Anlage.» Den Heizungscheck erwäge man für einige weitere Objekte, insbesondere solche mit älteren Öl- oder Gasheizungen.

Grosses Sparpotential

«Die meisten Heizungen werden so eingestellt, dass sie auch noch in 10 oder 15 Jahren laufen, wenn Pumpen, Leitungen und Brenner nicht mehr auf der Höhe sind», sagt Philipp Muri. Ein System mit allzu viel Luft nach oben zu betreiben, sei aber weder finanziell noch ökologisch sinnvoll. Wer seine Heizung hingegen prüfe und die kritischen Komponenten rechtzeitig ersetze, könne die Anlage danach wieder effizient betreiben, meint Muri: «Man verbraucht nicht zu viel Brennstoff, risikiert aber auch keinen vorzeitigen Ausfall der Anlage. Es ist das betriebswirtschaftliche Optimum.»

Weitere Informationen:
electrojoule.ch

Interessant für Mehrfamilienhäuser

Ein einmaliger Heizungscheck kostet ungefähr 2900 Franken. Wer die Anlage fix installieren will, bezahlt rund 3400 Franken, kann dafür seine Heizungsanlage aber während der gesamten Lebensdauer ohne (zu) grosse Reserven und Toleranzen betreiben. Das Einsparpotential bei älteren fossilen Heizungen beträgt gemäss Electrojoule 10–15 Prozent. Zudem sinkt der CO2-Ausstoss merkbar.

Weil die Kosten des Heizungschecks nicht von der Anzahl der beheizten Wohnungen abhängig sind, ist das Produkt vor allem für Mehrfamilienhäuser ab sechs Wohneinheiten und grössere Überbauungen interessant.

«Wir Installateure können diese Arbeiten verrechnen»

Nachgefragt bei Steff Hug, selbständiger Heizungsinstallateur im Auftrag der Electrojoule AG

Nachdem bestehende Heizungen von Electrojoule überwacht und analysiert wurden, schlägt Ihre Stunde. Sie sind für die Neueinstellung oder die Ersatzplanung verantwortlich. Was fällt Ihnen am meisten auf?

Viele Anlagen, die wir überprüfen, sind schlecht eingestellt und werden zu wenig gewartet. Leider achten viele Eigentümer oder Betreiber viel zu wenig darauf, die nötigen Arbeiten einfach auszuführen. Etwas salopp gesagt: Den Installateur holt man erst, wenn die Mieter frieren oder nicht mehr duschen können. Es gibt Boiler, die seit zehn Jahren nicht mehr entkalkt wurden. Das sieht man sofort im Messprotokoll, aber natürlich auch vor Ort in der Heizzentrale.

Was ist der Grund für diese schlechte Wartung?

Viele Bauherren meinen, die Heizung könne von irgendjemandem betreut werden. Nur selten setzt man Profis ein, die eine Anlage nicht nur prüfen, sondern auch justieren oder reparieren können. Ein anderes Problem ist die Überlastung von uns Installateuren. Heizungen werden zu Dutzenden installiert, für Probleme hat niemand Zeit. Deshalb wird alles so eingestellt, dass es auch in fünf oder zehn Jahren noch funktioniert. Diese Margen sind nach heutigen Massstäben viel zu gross, das macht die Anlagen sehr ineffizient.

In diesem Fall würde sich ja ein erweiterter Service anbieten. Die Installateure könnten die Eigentümer mehr beraten, auch was die Justierung angeht?

Das stimmt, aber es gibt eine grosse Scheu vor diesem Schritt. Viele Berufskollegen meinen, und zwar zu Unrecht, man könne oder dürfe solche Arbeiten nicht verrechnen. Nach meiner Erfahrung stimmt dies nicht. Die Bauherren, die ich beraten habe, waren sehr froh um die Hinweise und haben den Beratungsaufwand auch gerne bezahlt. Es braucht einfach mehr Offenheit, und man muss unangenehme Punkte ansprechen, statt eine Salamitaktik zu verfolgen. Die Bauherren, die ich so informiert habe, haben das immer sehr geschätzt.

Sollten sich Heizungs- und Sanitärinstallateure also vermehrt als Berater sehen?

Ja, das würde ich gut finden. Unsere Beratung ist nicht «Gratisarbeit», wie so oft behauptet wird, sondern eine Leistung, die wir zu Recht verrechnen können und die auch geschätzt wird. Wir Installateure müssen nach meiner Meinung weg vom alten Paradigma, dass wir nur ein ausführendes Handwerk sind. Und wir müssen weg vom Gedanken, dass eine Heizung möglichst  billig und ohne Nacharbeit zu betreiben ist, alleine wegen der Auswirkungen auf die Umwelt.